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„Hells Angels ist das Schwerste, was du machen kannst als Mann“

Hach, Kinnas – es ist wieder soweit. Sonntags is‘ Krimi-Zeit! Und was is‘ mir lieber als Lindenstraße und Spiegelei TV zusammen? Richtig: Rockers! Heute ein Erlebnisbericht der FAZ, genauer gesagt von Julia Schaaf über unsere Männers der Hells Angels (Berlin). Ab dafür…


„Hells Angels“

Vereinte Kräfte

Von Julia Schaaf

31. Januar 2010 Das Geburtstagsgeschenk bleibt geheim. Es wird überreicht, als die Feier schon in vollem Gange ist und der sympathische Kerl mit dem Kinnbart alle Gäste in den Kneipenraum geholt hat. Es ist zweiundzwanzig Uhr. In der Mitte des Gedränges stehen Micha, Wanne und Weber, die Männer, die den Club gegründet haben, die unheilige Dreifaltigkeit der Hells Angels Berlin. Der Präsident. Der Pressesprecher. Das Geburtstagskind. Micha hält eine kurze, rhetorisch und inhaltlich unauffällige Ansprache, in der es viel um Ehre geht und die lange gemeinsame Zeit.

Hells Angels

Weber wird fünfzig Jahre alt. Sie umarmen den kleinen Mann mit dem langen Pferdeschwanz und dem von Falten freundlich gezeichneten Gesicht. Pranken klopfen auf Rücken und Schultern, als wollten sie Staub aus alten Teppichen hauen. Dann bildet sich ein Kreis aus Männern in diesen Lederwesten, die sie Kutten nennen, mit einem gefiederten Totenkopf darauf. Sie legen die Arme übereinander und versperren so die Sicht auf das, was in ihrer Mitte geschieht. Später wird ein Bilderrahmen zum Geschenketisch getragen, zu der Wikingerbüste, dem Samuraischwert und den teuren Flaschen Whisky und Wodka: eine Stickerei in Schwarz mit weiß-roter Schrift. AFFA – Angels forever, forever Angels. Wer aber wissen will, was sich in dem flachen Päckchen befand, das eben noch auf dem Bilderrahmen lag, bekommt eine Antwort, an die man sich hier gewöhnen muss. Ein Rocker zieht die Schultern hoch und sagt – nichts.

A und H, acht und eins
„Hells Angels ist das Original, die Nummer eins in der Biker-Welt“, sagt Wanne. „Alles andere ist nur Kopie.“ Dass die Hells Angels einen Pressesprecher besitzen, heißt noch nicht, dass es Telefonnummern gäbe, um bei Bedarf ein Statement abzufragen. Auch ein „offener Abend“ ist nicht wirklich eine Einladung an Journalisten, einfach einmal vorbeizuschauen. Wer aber an einem Freitag vor dem Clubhaus in Berlin-Charlottenburg steht und sich auf Wanne berufen kann, darf zwischen schrankförmigen Männern hindurch die Treppe hinauf und an dem Hünen vorbei zur Tür. Wanne steht wortlos auf und bittet ins Hinterzimmer. Auf einem langen Konferenztisch stehen flache Schalen voller Kaubonbons und Salzbrezeln, dazwischen Fanta, Cola und das Bier mit der 81 auf dem Flammen-Etikett, das die Rocker selbst vertreiben. Die Ziffern stehen für die Position ihrer Clubinitialen im Alphabet: H und A, acht und eins. Das Bier schmeckt mild.

Wanne sieht aus, wie man sich den Weihnachtsmann vorstellt, aber den Vergleich findet er nicht einmal in der Adventszeit lustig. Er trägt Schwarz und eine randlose Brille. Er mag Rammstein und Stromberg und liest viel: Historisches, Panzerbücher, Freimaurersachen, Geheimdienstzeug. Dieses Jahr wird er fünfzig. Schon als Jugendlicher hielt er nichts von Autoritäten, mit vierzehn hat er sich seine erste Kutte gebastelt, mit sechzehn trat er einem Motorradclub bei. Vor zwei Jahrzehnten hat er den Berliner Ableger der Hells Angels, das sogenannte Charter, mitbegründet. Wanne ist selbständig, IT-Management. Er betreut den Internetauftritt der Hells Angels. Wenn man allerdings wissen will, was der Aufnäher „666″ auf seiner Lederweste bedeutet, sagt er nur: „Das ist wieder so ’ne Frage, die ich nicht beantworten kann.“

Selbstbild als letzte Bastion
Das ist die Abmachung. Er könne nicht über alles reden, sagt der Pressesprecher, aber er werde auch nicht lügen. Wenn Wanne einlädt, einige Tage lang den Rockeralltag zu beobachten, gelten gewisse Regeln: klare Ansprechpartner. Keine Fragen mehr nach dem fünften Bier.

Sie bezeichnen sich als Familie und nennen einander Brüder. Sie sind stolz darauf, elitär und altmodisch zu sein, und schwärmen von Werten wie Ehrlichkeit, Vertrauen und Loyalität wie andere Leute von ihrem jüngsten Urlaub. Ein Mann, ein Wort, jeder Handschlag Gesetz und immer seinen Mann stehen. Sie betrachten sich als letzte Bastion wahrer Männlichkeit, und das genießen sie. Verrat geht gar nicht. Kay: „Wir sagen uns wie Männer die Meinung, und das bleibt in diesem Raum.“ Wanne: „Wir regeln unsere Sachen selbst. Das BGB interessiert uns nicht.“

Man könne im Club seine Rolex auf dem Tisch vergessen, sagt Kay, sie sei nächste Woche noch da. Wanne behauptet, er würde seinen Brüdern seine Frau, sein Auto und sein Bankkonto anvertrauen, jedem einzelnen, bedenkenlos. Man sieht sich drei-, viermal die Woche und telefoniert fast jeden Tag. Das Handy ist niemals aus. Wer anruft, weil er irgendwo im Nichts eine Panne hat oder zehntausend Euro Schulden, bekommt die Hilfe, die er braucht – sofort, auch mitten in der Nacht. „Das ist unsere Lebenseinstellung“, sagt Kay. Wichtigste Regel im Leben eines Hells Angels: Erst kommt der Club.

Blick aufs Schloss
Wir wollen das Charter ja nach vorne bringen“, sagt Kay gern, ohne dass klar würde, was genau er damit meint. Zurzeit hat es viel mit Bauarbeiten zu tun. Die Hells Angels Berlin haben vor zwei Jahren Räume mit Blick aufs Charlottenburger Schloss gekauft. Zwei Etagen eines Betonwabenbaus mit verpachtetem Dönerimbiss, Außentreppe und Terrasse. Die Bar im ersten Stock, in der jetzt schwarze Ledersessel zwischen Zimmerpalmen stehen und das DJ-Pult mit rotem Pannesamt verkleidet ist, hieß früher „Eye-T“. Sie sorgte für Schlagzeilen, als dort ein Sechzehnjähriger starb, nachdem er mit dem verantwortungslosen Wirt um die Wette getrunken hatte. Den Hells Angels gefiel die Lage, zentral und trotzdem nah zur Autobahn. Für die Finanzierung haben sie nach eigenen Angaben eine Firma gegründet und die monatlichen Mitgliedsbeiträge auf dreihundert bis fünfhundert Euro erhöht.

Ginge es nach den Rockern, wäre die Außenfassade längst rot angestrichen mit dem Namenszug des Clubs. Weil es aber unzähliger Genehmigungen bedarf, dauert der Umbau Jahre. Wanne flucht in seinen weißen Bart. Gerade verputzen zwei Männer das Treppenhaus, das den künftigen Aufenthaltsraum mit Büro und Sitzungssaal verbindet; im Erdgeschoss liegen Rohre und Kabel frei. Einer der Bauarbeiter ist „Member“, also Vollmitglied im Club. Er hat Maler und Lackierer gelernt und einen Freund zum Arbeiten mitgebracht. „Wir machen alles selbst“, sagt Kay. „Das kostet nichts.“ In Gedanken richtet er schon jetzt eine Art Herrenzimmer mit Wintergarten ein. Sein Lieblingswort zur Beschreibung der Zukunft ist edel. Stuck, Nussbaum und Mahagoni, englische Stilmöbel und eine Bar, Bücher, ein riesiger Flachbildschirm, ein Billardtisch. Kay: „Wir wollen uns hier so wohl fühlen wie zu Hause. Der Club ist schließlich unser Lebensmittelpunkt.“Wanne: „Hells Angels ist das Schwerste, was du machen kannst als Mann.“

Gewalt als Normalzustand
Es gibt viele Motorradclubs in Deutschland, und mindestens Bandidos, Outlaws und der Gremium MC kultivieren ein ähnliches Selbstbild einer gesetzlosen Macho-Gemeinschaft. Die Hells Angels jedoch gelten selbst bei Ermittlern als die letzten verbliebenen Ur-Rocker, zumindest in Berlin und Brandenburg. Damit nähren die staatlichen Gegenspieler den Lieblingsmythos der Höllenengel. Gelegentlich fällt auch die Bezeichnung spießig. Tatsache ist, dass andere Clubs das klassische Nachwuchsverfahren aufgeweicht haben und seit einigen Jahren aggressiv wachsen. „Bei den Bandidos können Sie heute froh sein, wenn die noch Rollschuh laufen können“, sagt ein Staatsanwalt in der Hauptstadt. „Die nehmen wirklich alles, was ein Messer, einen Schlagstock und eine ordentlich kriminelle Karriere hat.“

Das hat Folgen. Es verschiebt nicht nur das Machtgefüge zwischen den verfeindeten Gruppierungen und heizt Rivalitäten an. Es verändert auch die Qualität der Auseinandersetzungen. Je weniger sich Männer ihrem Club verpflichtet fühlen, desto eher handeln sie auf eigene Faust. „Die Leute sind hochgradig gefährlich, weil sie nicht mehr kalkulierbar sind“, sagt ein Ermittler. Bei Personenkontrollen stellt die Polizei in wachsendem Ausmaß Schusswaffen sicher. Im vergangenen Jahr sind zwei Rocker gezielt getötet worden. Kay: „Auge um Auge. Zahn um Zahn.“ Wanne: „Gewalt ist für uns normal. Die Gesellschaft ist doch voll davon. Greifst du einen an, greifst du alle an.“

Member, Hangaround, Prospect
Nicht einmal sechshundert Hells Angels gibt es nach Angaben der Rocker in Deutschland. Das Berliner Charter hat ungefähr zwanzig Member, das jüngste neunundzwanzig Jahre alt, „alles gestandene Männer“, sagt Kay. Keine Akademiker, keine Ausländer. Die meisten berlinern und sind selbständig: Baufirmen, Immobilien, Tätowierstudios, Security. Manche haben Oberkörper wie Rugbyspieler in voller Montur und Unterarme wie Schinken. Einem der Männer rankt sein Tattoo bis in die Stirn. Aber viele würden einem auf der Straße auch nicht auffallen. Das Gros ist höflich, geradezu fürsorglich.

Es gibt eine Handvoll „Hangarounds“ und „Prospects“, wie in der internationalen Rocker-Terminologie die Anwärter für die Aufnahme in den exklusiven Kreis der Mitglieder bezeichnet werden. Außerdem sind da „Supporter“, Unterstützer, zumeist jüngere Männer, von denen einige quecksilbrig wirken und wenig vertrauenswürdig. Viele tragen schwarze Sweatshirts mit einer 81 darauf und Aufschriften wie „strength“, „honour“, „respect“. Anders als die Accessoires mit dem geflügelten Totenkopf gibt es Supporter-Outfits im freien Verkauf.

Kokettieren mit dem Ruf
Kay ist ein Beispiel dafür, wie lange es dauern kann, bis man dazugehört: zweiundvierzig Jahre alt, Boxtraining, Hanteln, Whisky-Cola und eisern für Union Berlin. Schon Anfang der Neunziger besaß er eine Biker-Kneipe im Süden der Stadt. Weil er aber keinen Hells Angel kannte, fuhr er mit dem Motorrad am Clubhaus vor und bat um Einlass – vergeblich. Kay kam wieder, viele Wochenenden, vier Jahre lang, bis seine Hartnäckigkeit die Neugier des Präsidenten weckte.

Eines Tages stand Micha bei ihm im Laden. Man redete über Motorräder, man hatte einen guten Draht. Kay durfte bald ins Clubhaus. Bis er aber das „Patch“ bekam, diese Lederweste mit dem Totenkopf als Zeichen einer Mitgliedschaft fürs Leben, sollten weitere sieben Jahre vergehen. Warum so lange? Was brauchte es, um aufgenommen zu werden? „Ich habe keinen umgebracht“, sagt Kay und grinst. Natürlich wissen die Männer um die Brutalität, die man ihnen nachsagt. Sie kokettieren mit diesem Ruf.

Keine festen Aufnahmeregeln
Wenn stimmt, was die Rocker sagen, folgt das Aufnahmeverfahren keinen Regeln. Entscheidend ist, ob der Neue zur Gruppe passt. Der Beschluss fällt einstimmig. Es zählt nicht, was einer redet. Auf die Taten kommt es an. Mal gilt es, Gäste vom Flughafen abzuholen, mal das Clubhaus zu schmücken, aber Sklavenarbeit – nie, sagt Kay: „Wir wollen ja niemanden brechen. Wir wollen ja Männer.“ Auf Webers Geburtstagsfeier räumen die Burschen ohne Kutten leere Gläser ab. Der Hangaround mit dem Kinnbart bringt Erdnussflips vorbei. Er entschuldigt sich mit einem Nicken, bevor er Kay zur Seite bittet, um Anweisungen entgegenzunehmen. Den größten Teil des Abends verbringt er als Wachposten im Freien, breitbeinig, den prüfenden Blick in die Dunkelheit gerichtet. „Guter Mann“, raunt Kay.

Zwei Wochen später wird der Kinnbart befördert. Es ist Weihnachten, und auf den Tischen im Angels Place stehen bunte Teller mit Lebkuchen und Christbaumanhängern aus Schokolade. Die Rocker haben ihre Frauen mitgebracht und Freunde eingeladen, aber plötzlich ziehen sie sich zurück. „Ich hol dich später“, sagt ein Mann mit dem Aufnäher „Filthy Few“ auf der Kutte zu einer Blondine, die er Püppi nennt. Später trägt der Kinnbart eine schlichte Lederweste mit dem Aufnäher „Prospect“. Die erste Hürde auf dem Weg zur Mitgliedschaft ist geschafft. Der DJ spielt Wham und Mambo Number Five. Jutta raucht und wiegt sich in den Hüften.

Die Rockerbräute
Es gibt unterschiedliche Sorten von Rockerbräuten. Frauen wie Püppi, denen der Mann den Teller in die Hand drückt, damit sie sich am Büfett anstellen, Truthahn und Rotkraut aufladen und anschließend am Member-Tisch servieren. Oder eben Jutta, die seit Jahrzehnten mit Weber verheiratet ist: hohe Hacken, kurzer Rock, lange schwarze Rastalocken. Sie verantwortet die Elektrik auf der Tattoo-Messe, die von den Hells Angels ausgerichtet wird. Wenn am Abend vor dem Aufbau gefeiert wird, verbietet sie ihren Helfern das Bier. Jutta hat eine tiefe Stimme und lacht laut. Wenn sie tanzt, ist sie die heimliche Königin des Clubs.

Stefan will diesen Sommer heiraten. Seine Auserwählte ist zehn Jahre jünger als er und führt einen Getränkemarkt. Er hat Metzger gelernt, macht Immobiliengeschäfte und erzählt von seinem dreistöckigen Haus im Norden der Stadt mit Sauna, Pool und einem Grundstück, auf dem die Hochzeit gefeiert werden soll. Wenn seine Freundin bis Ladenschluss an der Kasse steht, kocht er. Stefan hat eines dieser Gesichter, in dem die Augen entscheiden, ob es gutmütig oder gefährlich wirkt. Sein neunzehnjähriger Sohn lebt erst ein paar Monate bei ihm. Er ist bei der Mutter groß geworden, die ihm den Umgang mit dem Rockervater verbot. Jetzt feiert der Junge mit seligem Blick Weihnachten bei den Hells Angels. Den Kontakt zur Mutter hat er abgebrochen.

Finanzierungsfragen
„Die Hells Angels sind der Import der organisierten Kriminalität aus Amerika.“ So leiten Ermittler gern ein Gespräch über die Geschäfte der Rocker ein. Wenn es doch so wäre. Von den Bandidos weiß man, dass sie quer durch Europa Drogen vertreiben. Die Hells Angels behaupten, wer harte Drogen nimmt oder damit handelt, fliegt raus. In Berlin spielen Rocker nicht einmal im Rotlichtmilieu eine große Rolle. Immer wieder werden Verstöße gegen das Waffengesetz geahndet. Aber auf der Suche nach großen Lagern hatten in der Hauptstadt selbst Hubschrauber und Wärmebildkameras keinen Erfolg. Ein Berliner Staatsanwalt sagt: „Wie die Hells Angels sich finanzieren, ist schwierig zu sagen.“

Es gibt Fälle von Schutzgelderpressungen, aber oft knicken noch vor der Verhandlung die Belastungszeugen ein. Geldwäsche ließ sich bisher nicht nachweisen. Aus Statistiken weiß man, dass mindestens jeder zweite Rocker vorbestraft ist, und Ermittler sind überzeugt, dass auch legale Geschäfte oft genug unsanft angebahnt werden. Schon die Aura der Gewalt mag als Druckmittel reichen. Die Verschwiegenheit, die Ablehnung von Staat und Recht, die Brutalität – natürlich legt das nahe, dass Hells Angels sich zumindest im Umfeld organisierter Kriminalität bewegen. Aber mehr war ihnen bisher kaum nachzuweisen. Was bleibt, ist Körperverletzung.

Im Januar 2010 überfallen Bandidos in Schleswig-Holstein die Mitglieder eines Supporter-Clubs der Hells Angels und rauben Kutten. Zwei Männer werden lebensgefährlich verletzt. Im September 2009 ringt nach einem Unfall auf der A 7 ein Bandido mit dem Tod. Ein Hells Angel soll den Motorradfahrer absichtlich gerammt haben. Im Juni 2009 stößt die Brandenburger Polizei in einem zertrümmerten Wagen auf Supporter der Hells Angels. Dem einen steckt ein Messer im Rücken, dem anderen eine Axt im Bein. Die Verletzten behaupten, sie hätten einen Verkehrsunfall gehabt.

Polizei gehört dazu
Medien berichten nach solchen Fällen gern von einem Rockerkrieg und Verteilungskämpfen im Milieu; schnell machen Mafiavergleiche die Runde. „Krieg“, sagt Wanne schnaubend, „in Afghanistan ist Krieg. Aber wenn sich mal zwanzig, dreißig Mann mit ’nem Knüppel auf die Birne hauen – ist das Krieg?“ Das Mafiagerede mag er nicht mehr hören. Er schimpft, dass das Landeskriminalamt ihre Telefone abhöre und gelegentlich das SEK vorbeischicke. Das findet er unverhältnismäßig.

Die Ermittler aber haben sich darauf eingestellt, dass jede Hausdurchsuchung, jede Personenkontrolle, jede Festnahme gegen Widerstand durchgesetzt werden muss. Also rückt bei jeder Lappalie eine Hundertschaft an. „An uns liegt es doch nicht“, sagt ein Beamter. Wäre die Sache nicht so ernst, man dächte an eine moderne Version von „Räuber und Gendarm“. Wanne gibt durchaus zu, dass das Rockerleben langweiliger wäre ohne Polizei.

Auf dem Weihnachtsmarkt
Aufbruch. Die Hells Angels wollen einen Spaziergang über den Weihnachtsmarkt machen. Etwa fünfzig Männer und Frauen starten in Richtung Charlottenburger Schloss. Ein lispelnder Koloss herrscht den neuen Prospect an: „Schau mal, ob Micha da vorne ist, sonst anhalten, hopphopp!“ Der Kinnbart sprintet los. Kurz darauf signalisiert sein erhobener Arm: alles in Ordnung. Die Choreographie des Ausflugs verlangt, dass die Rocker zunächst den halben Weihnachtsmarkt von außen abgehen.

Der Präsident muss durch den Haupteingang. Seine Freundin hat sich untergehakt. Ihr taillierter Mantel und die Stiletto-Stiefel taugen bestimmt nichts bei der Eiseskälte. Aber sie sieht großartig aus, makelloser Teint, perfekt gemalte Brauen und Lippen. Langsam schreitet das Paar über den Platz. Der Rest der Prozession folgt. Es ist wie bei einem Staatsbesuch – eine Inszenierung von Macht. Am ersten Getränkestand ist Halt.

Entweder Schwarz oder Weiß
Die Frauen hatten unterwegs geflachst. Sicherlich gebe es was umsonst, und mal sehen, wie schnell die anderen Leute sich verzögen. Nichts dergleichen passiert. Die Kuttenträger schlürfen Glühwein, Wanne begutachtet Kunsthandwerk. Der Präsident und sein Schneewittchen flanieren an den Ständen entlang. Supporter bilden ein Netz aus wandelnden Wachtürmen. Der Koloss passt auf, dass der Pulk nicht auseinanderreißt, und als es doch passiert, ruft er: „Lass uns mal mit drei Mann hierbleiben.“ Drohgebärde und Gefährdung gehen offenbar Hand in Hand. Kay erklärt, sie hätten schließlich Gäste. Nicht auszudenken, wenn denen etwas passierte: „Wie sähe das denn aus!“

Ein Mittwochabend im Januar. Nach und nach treffen die Männer im Clubhaus ein, später findet ihr wöchentliches Meeting statt. Sie bestellen Kaffee, klappen Laptops auf, einer baut einen Joint. Ein Hagerer erzählt, dass er jetzt, im Winter, gelegentlich seine Harley in der Garage besuche, aus Sehnsucht. Kay sagt, das Dasein als Hells Angel verleihe seinem Leben Sinn. Wie ein innerer Kompass sei das. Wanne brummt zustimmend. Er sagt: „Hells Angel ist einfach. Entweder Schwarz oder Weiß. Mitte gibt es nicht. Entweder ich bin dein Freund. Oder ich bin dein Albtraum.“ Der Prospect mit dem Kinnbart steht draußen im Schnee. Er hat sich blaue Zahnpasta auf die Unterlippe geschmiert. Gegen Herpes.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp
Quelle: FAZ.de

Never-ending story: Hells Angels VS. Bandidos (Deutschland, 2009)

Immer wieder besser als ein Tatort am Sonntag-Abend: Spiegel TV (Ausgabe vom 15.11.2009) mit seinen Reportagen über „Deutschlands Rockerkrieg“. Dieses mal mit einer amüsanten Prügelszene zwischen einer handvoll Cops und Rayk Freitag (Hells Angels) aus Berlin, in der sich unser „Bruce Lee“-Ersatz Rayk am Ende wohl als geschlagen bezeichnen muss.

In einer weiteren Nebenrolle: Unser beliebter Gaststar „Wenn wieder einmal keiner mit der Presse reden will, mach‘ ich es halt“-Jango (Märchenerzähler der Hells Angels aus Bremen) *yippie-yippie-yeah* – da kommt Freude auf, wenn Jango das übliche „Wir sind nur‘n paar ganz dufte Männer, die nichts Böses im Schilde führen“-Geschwafel gebetsmühlenartig herunter leiert, sobald eine Kamera vor seiner Nase auftaucht.

Hier und da noch ein paar Morde unter Rockern, ein wenig Eifersucht, Sprengstoff, Ehre, Stolz und als musikalisches Schmankerl *wuhooooooo* die Böhsen Onkelz *yeah* mit Ihrem Schlager-Hit „Nur die besten sterben jung“!

Fertig ist der Sonntag-Abend-Krimi in drei Teilen. Ich wünsche gute Unterhaltung!

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